Brief von Özkan Güzel

Am 26.Juni 2013 wurde Özkan Güzel verhaftet, im Prozess wurde ihm vorgeworfen, er habe Flugblätter verteilt und Konzerte mitorganisiert, die Kulturarbeit der Anatolischen Föderation hierzulande sei ein Teil der bewaffneten DHKP-C in der Türkei. Vom OLG Düsseldorf wurde Özkan zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.

Özkan ist in Folge der Beteiligung am Todesfasten in der Türkei und der Zwangsernährung schwer erkrankt. In der Türkei wurde er für haftunfähig erklärt, was die deutsche Justiz aber nicht davon abhält, ihn einzuknasten.

Özkan schreibt: „Hallo, liebes Gefangenen Info,

(…) ich will euch auch ein wenig von hier, vom Gefängnis erzählen.

Letzte Woche (3.9.14) am Mittwoch früh (der Grund , weshalb ich dieses Datum so genau schreibe ist, dass ich mir eine Notiz auf dem Kalender gemacht habe, um das Datum nicht zu vergessen. Wenn ich es nicht notiert hätte, hätte ich es vergessen. Deshalb hab ich begonnen, mir Sachen zu notieren) bin ich zum Gefängnisarzt gegangen. Meine Magentabletten für den täglichen Gebrauch waren aus. Weil die Tabletten aus waren, brannte mein Magen (vor oder nach dem Essen).

Die Medikamente hab ich vorher den Wärtern gegeben und die sagten, ’sag es dem Arzt, er soll dir welche geben‘ und gaben mir die leere Schachtel zurück. Ich ging zu einem „Arzt“, für dessen Berufszeugnis es Tausend Zeugen braucht. Ich gab ihm die leere Medikamentenpackung und fragte nach neuen Magentabletten. (klar, da ich kein Deutsch kann, sprach ich in halben Sätzen). Der Arzt sagte „Komm am Montag und dann rede“ und schickte mich aus dem Zimmer.

Da ich meine Tabletten nicht hatte, habe ich mich bis heute vor Magenschmerzen gewunden. Das hat er nicht nur mit mir gemacht. Alle, die an diesem Tag von A-4 gekommen sind, wurden auf Montag verwiesen. Also, deine Medikamente gehen aus, du gehst zum Arzt um neue Medikamente zu bekommen und der Zuständige, von dem es fraglich ist, ob er Arzt ist, sagt, komm an dem Tag. Für A-4 ist der Arzttag Montag. Die anderen Etagen vom A-Block sind am Dienstag für „Arzt“untersuchungen bestimmt.

Da heute Montag ist, bin ich erneut zum „Arzt“ gegangen. Ich hatte meine leere Medikamentenpackung dabei sowie einen Zettel, auf den ein türkischer Mitgefangener mit Deutschkenntnissen geschrieben hat, dass ich vor Monaten im Gefängnis Wuppertal Augenkontrolle hatte, dass meine Sehfunktion geprüft wurde, dass sie meine Unterschrift genommen haben, damit ich von meinem Konto Geld beziehen kann um vom Optiker meine Brillen zu bekommen, dass meine Brillen jedoch noch immer nicht gekommen sind“.

Wir wurden am Montag früh ins Arztzimmer gebracht. Sie riefen meinen Namen auf, ich ging in das Zimmer des Zuständigen, dann rief er mich zu sich. Ich ging und setzte mich neben ihn. Ich nahm meine leere Medikamentenpackung und den Zettel mit dem Text heraus, legte meinen Arm auf den Tisch. Gleichzeitig sagte der „Arzt“, dass der Tisch sauber sei, und dass ich meinen Arm runter nehmen soll. Ich sagte auf türkisch, was er da rede. Er sagte: „stütz‘ deinen Arm nicht auf dem Tisch ab, nimm ihn weg“. Ich zeigte ihm die Medikamentenpackung und sagte „Ich

werde nirgendwo hingehen, ohne dieses Medikament bekommen zu haben“. Er gab mir das Medikament. Dann sagte er, ich hätte für die Brillen kein Geld auf meinem Konto. Ich sagte, dass ich 100 Euro hätte. Er fragte, ob ich sie kaufen wolle oder nicht. Ich sagte ja. Interessant war, dass genau in dem Augenblick, in dem ich meinen Arm auf den Tisch stützte, der zuständige Beamte genau zwischen dem Tisch und mir den Mülleimer stellte, der sich im Raum befand. Das ist also die Gesundheitsauffassung des zuständigen „Arztes“. Er hat das nicht nur mir gegenüber gemacht. Er tut das mit fast allen Gefangenen und Verurteilten, ganz gleich weshalb sie in Haft sind.

Ich habe eine Bitte an euch. Gibt es eine Einrichtung, eine Institution, an die ich mich wenden kann, bei der ich mich beschweren kann über die Isolation und psychologische Folter in diesem Gefängnis, eine medizinische Klinik, der ich mitteilen kann, dass ich medizinisch nicht versorgt werde? Wenn es die gibt, könnt ihr mir eine Adresse schreiben? Zum Beispiel eine Gesundheitseinrichtung (das kann auch eine Institution des Justizministeriums oder des Gesundheitsministeriums sein, an welche dieses Gefängnis gebunden ist), der ich mitteilen kann, dass das zuständige Gesundheitspersonal hier seine Aufgabe nicht erfüllt. Wir sind Menschen, keine Tiere. Aber wir werden im Gefängnis behandelt, als wären wir Tiere.

Letzte Woche Sonntag (07.09.2014) früh war der Tag der Evangelischen Kirche. Es wurde angekündigt, dass alle die teilnehmen wollen, auf den Knopf drücken sollen. Ich hatte zuvor mit einem Priester von der Kirche gesprochen und ihm gesagt, dass ich an diesem Tag teilnehmen will. Er sagte ok und trug mich in seinen Notizblock ein. Aber daraus wurde nichts. Da sich in den ersten fünf Wochen mein Freund Muzaffer Dogan in diesem Gefängnis befand, und an den Kirchennsonntagen die Menschen vom B-Block daran teilnehmen, und Nachrichten von mir oder von Muzaffer weiterleiten könnten, wurde das nicht zugelassen. Natürlich ist auch das reine „Hypothese“.

Muzaffer nimmt nicht an den Kirchentagen teil. Doch es gibt Leute, die sich vom B-Block beteiligen. Mir wird nicht erlaubt, daran teilzunehmen, weil ich Nachrichten schicken könnte, oder weil Muzaffer Nachrichten schicken könnte. Wir werden also in der Isolation isoliert. Wir werden von Menschen isoliert.

Es gibt eine Samarkand Gruppe. Ich stellte einen Antrag, um mich dieser Samarkand Gruppe anzuschließen. Der Vollzugsbeamte, der Chef von Block A, Rammel kam und brachte zum Ausdruck, dass ich aus „einigen Gründen“ nicht an der Gruppe teilnehmen könne. Ich wollte, dass er diese „einigen Gründe“ offen legt. Aber er sagte, er „könne sie nicht offenlegen“. Das ist doch auch eine Art von Isolation oder?

Ja, ihr könnt die Probleme, die ich im Gefängnis erlebe, also diesen Brief in euer Zeitung veröffentlichen.

Genau deshalb schreibe ich ja.

Das wars, worüber ich erst mal berichten wollte.

Passt gut auf euch auf.

Viel Erfolg in Eurer Pressearbeit. In Liebe… Özkan 09.09.2014“
Özkan Güzel

JVA Wuppertal
Simmonshöfchen 26
42337 Wuppertal

 

Berichterstattung zum Prozess:

http://political-prisoners.net/item/2353-durchsuchungen-der-anatolischen-foederation.html

http://www.rote-hilfe.de/77-news/562-bericht-vom-prozessauftakt-gegen-oezkan-guezel

http://political-prisoners.net/item/3059-verfahren-von-oezkan-guezel-wurde-fortgesetzt.html

http://www.linkezeitung.de/index.php/justiz/129-prozesse/1502-oezkan-guezel-wegen-verkauf-von-grup-yorum-tickets-zu-2-4-jahren-haft-verurteilt